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Die „Madonna von der Augenwende" ist wieder in der Predigerkirche

 

Geschichte und Gegenwart kommen zusammen

 

Gottesdienst Translokation

Ökumenischer Gottesdienst in der Predigerkirche aus Anlass der Translokation der „Madonna von der Augenwende."

 

Mit einem feierlichen ökumenischen Gottesdienst haben evangelische und katholische Christen Rottweils die Rückkehr der „Madonna von der Augenwende" in die evangelische Predigerkirche gefeiert. Zur Eröffnung erklang der Marienhymnus „Alle Tage sing und sage Lob der Himmelskönigin", der auch am 29. Dezember 1802 gesungen wurde, als nach der Säkularisation die Madonna aus der Predigerkirche entfernt werden musste und in einer Prozession hinüber ins Heilig-Kreuz-Münster gebracht wurde, wo sie bis heute auf dem Marienaltar stand.

 

Pfarrerin Esther Kuhn-Luz sagte in ihrer Begrüßung, dieser Hymnus sei ganz ungewöhnlich für evangelische Ohren, sehr vertraut aber für die katholischen Ohren... und er wurde doch ökumenisch gemeinsam gesungen vom Münsterchor und dem Chor der Predigerkirche, die unter der Leitung von Wolfgang Weis und Johannes Vöhringer den Gottesdienst musikalisch feierlich gestalteten. 

 

Madonna in der Predigerkirche

Von 1755 - 1802 stand die Madonna schon einmal an diesem Platz auf dem Hochaltar.   

 

Nun stehe die „Madonna von der Augenwende" nach 273 Jahren wieder an dem Platz, an dem sie ursprünglich in der Kirche der Dominikaner stand. Es sei ein Grund zur Freude, dass dieses historische Ereignis in ökumenischer Verbundenheit gefeiert werden könne.


Dekan Martin Stöffelmaier erinnerte an den ökumenischen Weg der gegangen werden musste, bis es zu dieser Feier kommen konnte. Er betonte, dass immer darauf geachtet wurde, die Unterschiede im Umgang mit Maria wahr zu nehmen und zu respektieren. Nun liege es an jedem Einzelnen, wie er damit umgehe. „Ist es lediglich eine historische Erinnerung oder gibt uns die Madonna einen Anstoß, unseren Glauben und unser Herz für die Nöte der Menschen zu öffnen", fragte Stöffelmaier. Kuhn-Luz meinte, es sei schon sehr berührend und auch aufregend, wie Geschichte und Gegenwart hier zusammenkämen.


Kirche und Kloster des Predigerordens der Dominikaner fielen 1802 an den weltlichen Landesherrn, den Herzog von Württemberg. Das Kloster wurde aufgelöst. Im Jahr 1806 wurde die Marienkirche dann zur evangelischen Pfarrkirche, so Kuhn-Luz. Es sei für die damalige evangelische Gemeinde sicher nicht leicht gewesen, die Botschaft der Bilder zur verstehen. Mit dem Verstand könnten die Bilder erklärt werden - aber die evangelische Seele habe einen anderen Zugang zu den Heiligen. Maria und ihr Kind blickten auf die Menschen und erzählten so auch etwas davon, wie Gott seinerseits die Menschen im Blick habe und sage „ich bin bei euch alle Tage." Dass Gott gegenwärtig sei in guten wie in sehr schwierigen Zeiten, das hätten die Rottweiler immer wieder erlebt, besonders damals im Dreißigjährigen Krieg. Zum Dank für Gottes Bewahrung wurde nach dem „Wunder der Augenwende" von 1643 die ehemals schlichte Dominikanerkirche 100 Jahre später zur barocken Marienkirche umgebaut und prachtvoll ausgemalt. Die Deckenfresken erzählten ihre Geschichten mit Maria. So etwa die Bedeutung der Madonna für die Rottweiler, die mit ihren Sorgen und Nöten zu Maria kommen. Dann die Bedeutung Mariens für Europa mit der Bitte, das christliche Abendland gegen die damaligen kriegerischen Angriffe der Osmanen zu bewahren. In einem anderen Deckenfresko gehe es um die Bewahrung  der Schöpfung. In allen Bildern gehe es aber um die Gegenwart Gottes - in besonderer Weise auch in Maria.


Stöffelmaier erinnerte daran, dass die beiden Gemeinden mit der Unterzeichnung der Charta Oecumenica vor 10 Jahren sich verpflichteten, „Gespräche zu fördern und durch gegenseitige Besuche Fremdheiten abzubauen." Er zählte auf, was die beiden christlichen Gemeinden verbindet und was sie eint. Es gebe bei den Begegnungen keine Berührungsängste mehr. Er lege Wert darauf, dass  zwischen Verehrung und Anbetung streng unterschieden werden müsse. Maria habe eine besondere Bedeutung unter den Heiligen, sie werde aber nicht angebetet. Menschen suchten am Marienaltar, und in nächster Zeit auch hier in der Predigerkirche, im Gebet ihr persönliches Gespräch mit Gott. Er fragte, „wer weiß denn, welche Gebetssprache richtig oder falsch ist, wenn die Worte aus dem Herzen kommen?" Maria sei ein Beispiel für geglücktes Leben, das ganz unter dem Anruf Gottes gestanden habe.

 Die beiden Chöre sangen den Lobpreis Mariens, das Magnificat, in der Fassung von Alan Wilson.

Es folgten biblische Lesungen über Maria. Da heißt es unter anderem, Maria sei gesegnet unter den Frauen. So, wie sie sich auf das Wort Gottes eingelassen habe, das ihr der Engel überbrachte, sei sie uns ein Vorbild im Glauben.


Mitglieder des Ökumenischen Ausschusses trugen Fürbitten vor. Die Christen sollten aus ihrem Glauben Kraft schöpfen und ihn sichtbar und erfahrbar werden lassen. In der Freude an Gottes Wort solle das ökumenische Miteinander wachsen und in ihren vielfachen Nöten sollten Christen auf die Nähe Gottes vertrauen und sich schließlich durch sein Wort in Bewegung bringen lassen.


Ein besonderer musikalischer Höhepunkt war das „Ave maris stella" aus der Marienvesper von Claudio Monteverdi, der 1643, im Jahr des Wunders der Augenwende, gestorben ist.


Nach dem gemeinsamen Vaterunser beschlossen die beiden Kirchenchöre mit „Glory to thee, my God"  von Thomas Tallis diesen historischen ökumenischen Gottesdienst. Mit dem Segen wurden die Gottesdienstbesucher nicht etwa entlassen. Die Kirchengemeinden haben vielmehr noch zu einem Stehempfang eingeladen.


Maria hat in diesen Tagen viel in Bewegung gebracht. Sehr viele Menschen sind zu diesem außerordentlich gut besuchten besonderen Gottesdienst gekommen, Maria hat aber auch einen ökumenischen Dialog angestoßen und die Möglichkeit geboten, sich besser in den anderen katholischen/evangelischen Partner hineinzuversetzen und vielleicht auch einen neuen Blick auf Maria zu bekommen.


Text und Fotos: Berthold Hildebrand