Von der Begegnung zur Verkündigung: Jesus und Maria Magdalena am Ostermorgen

 

Eine Bildbetrachtung zum Tafelbild im Dominikanermuseum Rottweil

 

(vhh) Ein Maler aus dem Bodensee-Raum zeigt, entsprechend der Überlieferung im Johannes-Evangelium (Joh 20, 1-18), die Begegnung von Jesus und Maria Magdalena in dem Moment, in dem sie ihn als den Auferstandenen erkennt, nachdem er sie mit ihrem Namen Maria angesprochen hat. Zuerst hatte sie ihn für den Gärtner gehalten. Darauf verweist der große Spaten im Vordergrund. Neben Magdalena steht das Salbgefäß, mit dem sie den toten Jesus salben wollte. Mit seiner rechten Hand scheint Jesus die vor ihm kniende und zu ihm aufblickende Maria zu segnen und zur Verkündigung zu beauftragen. Seine Hand wendet sich dem Gesicht von Magdalena zu. Durch die ähnliche Haltung der Arme wird außerdem der Bezug zwischen Maria und Jesus sinnenfällig. Auch sein Wort „Halte mich nicht fest" könnte angedeutet sein, was aber weniger deutlich erkennbar erscheint. In seiner anderen Hand hält er die bewegt flatternde Fahne mit dem Kreuz als Zeichen des Sieges über den Tod. Sein rotes Gewand erinnert an den Königsmantel, in dem er verspottet wurde. Durch die goldene Mantelschließe erinnert dieser Mantel auch an ein liturgisches Gewand, den Chormantel. Rot, die Farbe des Blutes, des Lebens und der Liebe, zeichnet Christus aus. Auch ein Teil des Gewandes von Maria Magdalena erscheint rötlich, in einem anderen Rot als der Mantel von Jesus. Die große Liebe, mit der sie Jesus, zusammen mit anderen Jüngerinnen und Jüngern, begleitet hat, wird dadurch zum Ausdruck gebracht. Sie und andere Frauen bleiben bei ihm bis zu seinem Tod am Kreuz. Während viele Jünger geflohen sind, harrten die Frauen unter dem Kreuz aus.

 

Das Gewand von Maria Magdalena entspricht der Mode der Zeit, in der das Bild entstanden ist. Weite lange Ärmel in der Farbe Weiß verweisen auf Reinheit und Wahrheit. Im Mittelalter war Weiß auch Farbe der Trauer. Eine prächtig mit Edelsteinen und Perlen bestickte goldene Borte schließt die kurzen grünen Ärmel des grünen Gewandes ab. Auch die Farbe Grün hat in der christlichen Symbolsprache des Mittelalters und darüber hinaus einen tiefen Bedeutungsgehalt. Grün bedeutet neues Leben, Wachstum, auch das neue Leben aus dem Glauben und ist damit die Farbe der von Gott Erwählten. Das frische Grün der Natur im Frühling, in dem das Osterfest gefeiert wird, ist nach dem Winter auch ein Zeichen Hoffnung. Die Kostbarkeit des Gewandes, mit dem Magdalena oft dargestellt wird, verweist darauf, dass sie als vermögende Frau angesehen wurde, die Jesus auch finanziell unterstützt hat.

 

spätgotisches Tafelbild - Jesus und Maria Magdalena am Ostermorgen

Christus begegnet am Ostermorgen Maria Magdalena, "Noli me tangere" („Berühre mich nicht" / "Halte mich nicht fest"),

spätgotisches Tafelbild um 1500, Bodenseeraum oder Nordschweiz,

Teil eines Magdalenen-Altares, heute im Dominikanermuseum, Rottweil

 

Allerdings handelt es sich bei Magdalena nicht um die Schwester von Martha und Lazarus oder um die Sünderin, die Jesus mit ihren Tränen die Füße gewaschen hat. Im Laufe der Geschichte wurden dies drei Frauengestalten manchmal zu einer einzigen verschmolzen. Maria Magdalena war die Frau, der Jesus nach seiner Auferstehung zuerst erschienen ist.

 

Die Szene der Begegnung von Jesus und Maria Magdalena findet in einem Landschaftsraum statt. Die hügelige Landschaft im Hintergrund, in der mittelalterliche Gebäude und Mauern von Städten erkennbar sind, erinnert an die Bodensee-Region. Auf einem wuchtigen, hohen Felsen im Mittelgrund befindet sich eine mittelalterliche Burg. Der Maler hat die biblische Szene also in seine Gegenwart versetzt. Er macht damit deutlich, dass dieses historische Ereignis zwar vor langer Zeit stattgefunden hat, dass es aber die Menschen zu jeder Zeit, auch heute, betrifft. Bäume und Büsche rahmen die Szene und deuten einen Garten als Ort der Begräbnisstätte an. Links außen, im Bedeutungsmaßstab kleiner als die beiden anderen Personen dargestellt, kniet der Stifter des Bildes. Mit weißem Chorhemd über einem schwarzen Gewand ist er wohl ein Kleriker gekennzeichnet. Auf dem fliegenden, sich in den Bildraum windenden, Schriftband mit lateinischem Text bittet er um Fürbitte: "Oh heilige Maria Magdalena bitte für mich armen Sünder".

 

Die Auferweckung Jesu Christi ist für alle Christen zentraler Grund des Glaubens. Nach dem Zeugnis des Neuen Testaments wurde Jesus Christus, Gottes Sohn, am dritten Tag nach seiner Kreuzigung von den Toten erweckt und erschien zuerst seinen Jüngerinnen, dann seinen Jüngern. Der Vorgang der Auferstehung wird nicht beschrieben, sie ist das unfassbare Wirken Gottes. Im Evangelium des Johannes wird Maria aus Magdala als erste Zeugin der Auferstehung benannt. Ihr wird von Jesus aufgetragen, den Jüngern diese frohe Botschaft seiner Auferstehung zu verkünden. Der Evangelist Johannes schreibt (Joh 20,17-18) „Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte." Sie ist nicht nur die erste Zeugnin, sondern auch die erste Verkünderin der Auferstehung Christi an die Apostel, die dann ihrerseits, zusammen mit vielen anderen Frauen und Männern, die Botschaft von der Auferweckung Jesu in die Welt getragen haben. So wird Maria Magdalena zur „Apostelin der Apostel". Als "Apostelgleiche" wurde sie schon in frühchristlicher Zeit im 3. Jahrhundert betrachtet und „Apostolorum Apostola" genannt. Der berühmte Theologe des Mittelalters, Thomas von Aquin, bezeichnete sie ebenso. Papst Franziskus hat sie 2016 offiziell den Aposteln gleich gestellt und damit die Wertschätzung zum Ausdruck gebracht, die Frauen in der Verkündigung zukommt.

 

Text und Foto: Veronika Heckmann-Hageloch