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Kirche anders denken

 

Vortrag von Felix Goldinger aus dem Bistum Speyer zur Eröffnung des Klausurtages des Kirchengmeinderates Heilig-Kreuz

 

Zu einem Vortrag „Kirche anders denken" mit anschließender Möglichkeit zum Gedankenaustausch hatte die Katholische Erwachsenenbildung am Samstag, 2. Oktober 2021, ins Gemeindehaus Adolph Kolping eingeladen.

 

Pfarrer Timo Weber und Felix Goldinger

Timo Weber, leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheit Rottweil- Hausen-Neukirch, begrüßte den Referenten Felix Goldinger, der im Bistum Speyer als Geschäftsführer für den „Visionsprozess Segensorte" zuständig ist.

 

Felix Goldinger ging in seinem Vortrag zunächst auf einige grundlegende Fragen ein, die in der Gegenwart gestellt werden, z.B.: Welche Visionen von Kirche haben wir und was ist unser Auftrag in der Welt von heute? Daraus ergibt sich eine offene, aktive Suche nach einer neuen Gestalt von Kirche mit Beteiligung möglichst vieler. In anschaulicher Weise wurden dann verschiedene Beispiele aufgezeigt. Der Erfahrungsbericht von einer „Kundschafter-Reise" , u.a. mit Mitgliedern des Ordinariates des Bistums Speyer, nach England zu alternativen, „frischen" Ausdruckformen kirchlichen Lebens, den sog. „Fresh Expressions of Church", zeigte auf, wie in ökumenischer Offenheit neue Formen der Gemeinschaft entdeckt werden können, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. In England besuchen derzeit nur ein Prozent der Anglikaner die Gottesdienste, das heißt, dass von 99 Prozent auch Taufen und andere kirchliche Amtshandlungen nicht mehr gefragt sind. Das Glaubenswissen verdunstet, es ist nicht mehr relevant im Leben der Menschen.

 

Christliche Kirchen haben das zum Anlass genommen, dass sie „einladen" , dass sie eine „anziehende Kirche" sein möchten. Zugleich möchten sie die Menschen „abholen" an den Orten, wo diese sind. Dazu gehört auch das „Hingehen" unter dem Aspekt : „Wir kommen zu dir und dienen dir da, wo du bist." Das bedeutet auch, die Nöte der Zeit, auch der Corona-Zeit, wahrzunehmen und auf die entstandene Einsamkeit zu reagieren. Als konkrete Beispiele wurden genannt, dass im Eingangsbereich einer Kirche in England, in der auch Gottesdienste stattfinden, ein kleines Café „Come and Be!"eingerichtet wurde, wo sich Menschen treffen können. Zusätzlich besteht dort ein sozial-caritatives Angebot, u.a. für Kinder. Ein anderes Beispiel ist das Angebot von „The Open Door", einem Treffpunkt als „Offene Türe" , bei dem ein guter, gesunder Mittagstisch aus fairer Beschaffung zu niedrigem Preis angeboten wird. Auch dabei werden soziale Kontakte ermöglicht. Ziel ist es, dass es den Menschen im Ort gut geht. Auf jegliche „Missionierung" durch Plakate, Handzettel usw. wird dabei bewusst verzichtet. Dennoch wissen die Besucherinnen und Besucher, wer die Initiative zu dieser Einrichtung ergriffen hat und wen sie ansprechen können.

 

Eine „Wegbeschreibung" der Fresh X - Bewegung wurde in folgenden Stufen aufgezeigt: „Hören" - auf die Menschen, „Dienen", „Zusammenbringen", „Berufen" - mit persönlicher Entscheidung zum Christ-Sein, „Feiern" - so dass im Gottesdienst-Feiern eine volle, neue Form von Kirche entsteht. Auch aus derartigen Beispielen kann die Kirche ihre Sendung in die Welt neu entdecken. So ist auch eine Vision für das Bistum Speyer gewachsen, die ein hoffnungsvolles Bild für die Zukunft zeichnet. Mit dankbarer Begeisterung für die lebendige und anschauliche Darstellung mit Bildern wurde der Vortrag von Felix Goldinger von den Anwesenden aufgenommen. Manche der Erfahrungen sind sicher auch auf andere, auch unsere Rottweiler Gemeinden übertragbar, und das selbstverständlich in ökumenischer Weite.

 



Fortsetzung des Klausurtages am Nachmittag

 

Nach dem gemeinsamen Mittagessen folgte am Nachmittag für den Kirchengemeinderat Heilig-Kreuz die Fortsetzung und Vertiefung dessen, was am Vormittag zu hören war. Felix Goldinger berichtete dabei von konkreten Möglichkeiten , u.a. aus dem Bistum Speyer. Interessiert betrachtet wurden auch die „Seven Sacred Spaces", die in besonderer Weise auf sieben unterschiedliche Bedürfnisse von Menschen Bezug nehmen und diese als Ausprägungen von „Kirche" deuten. Wie im klösterlichen Denken, ersichtlich im Grundriss eines Klosters, stehen diese in einem Gleichgewicht: als Ort des gemeinschaftlichen, kollektiven Gebets (Kapelle), des persönlichen geistlichen Lebens (Zelle), der gemeinsamen Arbeit zur Erhaltung der Gemeinschaft (Garten), im Essen und in der Gastfreundschaft (Refektorium), in geplanten und unerwarteten Begegnungen (Kreuzgang), bei gemeinsamen Entscheidungen (Kapitel) und beim Lernen, der Kreativität und beim Weitergeben von Wissen (Scriptorium).

 

Gesprächsrunde

Hier wurden auch alle Mitglieder des KGR miteinbezogen und konnten ihre derzeitige Verortung anhand eines Planes aufzeigen.

 

Eigene Gedanken konnten die Teilnehmenden weiterhin auf Blättern mit verschiedenen Fragestellungen selbst formulieren. Bei der Sammlung der Ergebnisse war auffallend, dass eine große Mehrheit den Satz vervollständigte:

Bei uns wird „Reich Gottes" ein Stück Wirkichkeit, wenn

  • ... Gemeinschaft und Begegnung stattfindet
  • ... der Geist des Miteinanders zu spüren ist/ Wertschätzung
  • ... wir uns mehr öffnen (vorurteilsfrei)
  • ... wir mehr auf die Bedürfnisse anderer Menschen achten (Familien, Alte, Randgruppen).


Und ähnlich wurde die Frage beantwortet:

In den nächsten Jahren schaffen wir Räume für

  • ... Begegnung durch Angebote zum Kaffeetrinken , z.B. im/beim Münster,
  • ... Gemeinschaft, Geselligkeit, Begegnung.

 

Weitere Stichworte waren z.B.:

  • „Offene Türen",
  • „Willkommen für Außenstehende",
  • „Offene Anlaufstelle sein/ schaffen",
  • „mehr Gemeinsamkeiten mit unseren Gemeinden innerhalb der Seelsorgeeinheit",
  • „Spirituelle Ideen" ,
  • „mehr lachen",
  • „schön gestaltete Gottesdienste" usw.

 

Und zum Schluss hat Felix Goldinger noch das originelle Kartenspiel „Team unser" (aus der Material-Mappe zum Visionsprozess „Segensorte" ) eingesetzt, wo sich jede/r die passende biblische Figur für sein weiteres Engagement in der Gemeinde aussuchen konnte, wie z.B. die „Serviceorientierte" Martha oder Simon von Cyrene, der "Anpacker".

 

Mit einer Eucharistiefeier im festlich für den Erntedank geschmückten Chorraum des Heilig-Kreuz-Münsters endete der Klausurtag, der als wirkliche Bereicherung erfahren werden konnte.

 

Münster am Vorabend des Erntedankgottesdienstes
Das Münster am Vorabend des Erntedankgottesdienstes

 

Text und Fotos: Veronika Heckmann-Hageloch